Archive for the ‘Architektur’ Category

Hurra, wir sind Provinz!

18. Juni 2007

A propos Basel:

Da fällt den Bewohnern des stetig schrumpfenden Städtchens am Rheinknie aber ein schwerer Brocken vom Herzen. Oder sollen wir schreiben: ein Koloss. Nichts wird es mit dem neuen Stadtcasino der sowieso viel zu exaltierten Zaha Hadid.

„Der Barfi verliert damit seine bisherige Gestalt nicht“, jubelte Rolf Häring, der übrigens früher ein ziemlich erfolgreicher Charmeur gewesen sein soll, ehe er irgendwie ins Lager der professionellen Nein-Sager abgerutscht ist. Und da möchte ich doch sagen: Zum Glück geht die heutige Form des Barfüsserplatzes nicht verloren! Denn kann sich irgendwer einen schöneren Platz vorstellen als den jetzigen Barfi? Nein, ganz sicher nicht. Da können Barcelona oder Siena natürlich einpacken.

Also bleibt Basel, was es eben ist: Provinz, zweimal im Jahr durch grosse internationale Messen durchbrochen.

Und wenn man die letzten Abstimmungen zu gewagten, spektakulären, nicht dem Alltäglichen ensprechenden Bauvorhaben betrachtet, muss man zu folgendem Schluss kommen: Grosse Würfe können nur gelingen, wenn das Stimmvolk nichts dazu zu sagen hat (ausser es handelt sich um ein Fussballstadion). Denn das Aussergewöhnliche sprengt eben meist das Vorstellungsvermögen der Mehrheit – zumindest so lange es noch nicht in die Tat umgesetzt worden ist.

Ich will hier gar nicht weiter rumheulen. Aber ich muss noch etwas feststellen: Immer mehr wird in Abstimmungen mit etwas argumentiert, das gar nicht zur Debatte steht.

„Nein, wir wollen kein Multiplexkino bei der Heuwaage“, sagten die Gegner, als es um den Bau von Herzog & de Meuron ging. „Da könnte man doch eine tolle Grünfläche hinpflanzen.“ Ja, schon. Aber wurde damals darüber abgestimmt, ob es zu einem Multiplexkino oder zu einer schönen Wiese kommt? Nein. Und wie sieht der Unplatz hinter dem Viadukt heute aus? Er ist genau derselbe Asphaltfleck wie zuvor – ohne jegliche Form, ohne jegliche Nutzungsmöglichkeit.

Und heute? Da freuen sich die Gegner des Casino-Neubaus, dass nun der Weg frei sei, „für eine bessere Lösung“ (Dieter Stumpf). Ja, schon. Aber wer, wie, wieso – und mit welchem Geld? Das war keine Astimmung mit der Frage: Wollen Sie ein grosses neues Casino? Oder hätten Sie lieber ein kleines neues Casino? Es ging nur darum, ob ein neues Casion gebaut wird oder nicht.

Es wird nicht.

Und wenn doch, freuen wir uns auf einen kleinen, bescheidenen, unspektakulären, langweiligen, funktionellen, füdlibürgerlichen. So wie die tolle Wettsteinbrücke. Dort sollte übrigens mal ein Bau von Santiago Calatrava hin…

Juhu, wir werten auf!

8. Juni 2007

A propos Basel:

Jubel, Trubel, Heiterkeit: Basel feiert seine Nordtangente, ein hübsches 3,2 Kilometer langes Strässchen, das pro Zentimeter die Kleinigkeit von 4843.75 Franken gekostet hat. Wem das ein wenig teuer erscheint, der bedenke, dass darin auch noch ein schöner Lüftungskamin inbegriffen ist, der sich leider nach Erstellung als völlig überflüssig erwiesen hat und nun als touristischer Anziehungspunkt das Horburgquartier aufwertet.

Und da sind wir auch schon beim Stichwort: Aufwerten! Was diese Nordtangente alles an Aufwertungen ermöglicht, ist kaum zu beschreiben. Das St. Johann wird neu zum absoluten Trendquartier, wenn auch Leute den Weg über den Voltaplatz finden, die im Spurenlesen nur durchschnittlich talentiert sind.

Denn längst hat das Baudepartement die schönsten Pläne für die Region um den Voltaplatz geschmiedet. Aufwerten, aufwerten, aufwerten, heisst die Devise. Regierunsräting Barbara Schneider verspricht das Blaue vom Himmel – und ihr gnadenloser Kantonsbaumeister Fritz Schumacher (Stichwort: Flaniermeile Clarastrasse, Klybeck-Boulevard, Güterstrasse-Boulevard) hat ganz sicher schon tolle Ideen.

Aber wie könnte der neue, trendige städtische Wohn- und Lebenstraum denn so aussehen? Blicken wir doch einfach über die Dreirosenbrücke, wo die Aufwertung nach dem Bau der Nordtangente bereits seit Jahren Tatsache ist. Schauen wir uns die super, duper aufgewertete Horburgstrasse mal genauer an:

Horburg

Na, da bekommt der Stadtplaner aber ganz feuchte Äuglein vor Freude. So schön kann eine vom Autoverkehr befreite Strasse sein. Wir sehen (von links nach rechts): Ein Trottoir (Beton), eine Reihe Parkplätze (Beton/mit Rabatten), eine Fahrspur für den Individualverkehr (Beton), eine Fahrspur für den öffentlichen Verkehr (Beton/Stahl), eine Fahrspur für den öffentlichen Verkehr (Beton/Stahl), eine Reihe Parkplätze (Beton), eine Fahrspur für den Individualverkehr (Beton), eine Reihe Parkplätze (Beton/mit Rabatten), ein Trottoir (Beton).

Das Wunderbarste aber ist: Nicht nur der Schwerverkehr scheint verschwunden, das Leben an und für sich findet nicht mehr in dieser Strasse statt.

Das ist aber noch nicht alles, womit die Horburgstrasse verschönert wurde, nein noch lange nicht. Es gibt da auch noch ein absolutes Highlight, ein Bijou, mein Lieblingsplatz in der Stadt. Womit könnte man der Bevölkerung im am dichtesten besiedelten Quartier Europas eine Freude machen? So lautete die Fragestellung. Und die Planer fanden die Lösung. Sie lautet: mit einem Kiesplatz!!!

Kiesplatz

Ja, da springt das Herz des Anwohners vor Freude. So viel südliches Flair hätte man Basel gar nicht zugetraut.

Da bleibt nur die Hoffnung, dass auf der anderen Seite des Rheins mit mindestens ebensoviel Liebe zum Detail ein neues Quartier gebaut wird, das wohlhabende Steuerzahler in Scharen anzieht.

Der Anfang ist längst gemacht…