Autor-Archiv

Firestone, die sympathische Kleinfirma

11. Oktober 2007

A propos Basel:

Zu später Abendstunde bin ich auf „ARTE“ bei einem hervorragenden Dokumentarfilm hängen geblieben, „Die Chefin“ vom dänischen Filmer Daniel Junge. Thema ist das erste Regierungsjahr der ersten demokratisch gewählten Staatspräsidentin eines afrikanischen Landes, Ellen Johnson Sirleaf, die seit 2006 Staatsoberhaupt Liberias ist.

Nach Jahrzehnten eines brutalen Bürgerkriegs versucht die „Iron Lady“ ihr Land aus der Misere zu befreien. Und nachdem ich den Film gesehen habe, denke ich, das könnte ihr sogar gelingen. Auch wenn man erkennt, wie schlecht es Liberia geht, wenn einer ihrer Erfolge darin besteht, dass nach einem halben Jahr ihrer Regentschaft auf der Hauptstrasse Monrovias erstmals Strassenlichter brennen.

Eine Szene des Films ist aber besonders deprimierend, sie spielt auf einer Gummibaum-Plantage der sympathischen Firma Firestone, die sich auf ihrer Homepage ihrer tollen Beziehungen zum Land Liberia rühmt. Wer sieht, unter welchen Bedingungen die Arbeiter leben (keine Toiletten, Zimmer ohne Fenster, keine Schule für Kinder, die nicht im Plantagen-Krankenhaus zur Welt gekommen sind), der versteht schnell, dass die ebenso symphatische Firma Bridgestone von 2008 bis 2010 Millionen in der Formel 1 verbrennen kann. Denn zumindest für den Gummi ihrer Reifen gibt der japanische Konzern nicht allzuviel Geld aus. Dazu passt, dass sich Firestone Liberia nach dem Sturz des Präsidenten Charles Taylor noch schnell von der Zwischenregierung auf die nächsten 37 Jahre hinaus einen Pachtzins für ihre Plantagen von 50 Cent pro Acre (0,4 Hektaren) Land festschreiben liess.

Weitere Informationen zu den Philantropen von Firestone/Bridgestone findet man auf www.stopfirestone.org. Und wer glaubt, diese Homepage sei nicht unabhängig, der findet auf vielen verlässlichen Pages aufrüttelnde Geschichten, zum Beispiel auf der Seite der BBC oder beim Guardian.

Advertisements

Das Bild der Schweiz

9. Oktober 2007

A propos Basel:

Jubel am Rheinknie, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme. Was ist geschehen? Endlich, endlich muss sich die Stadt nicht mehr über die „Schande von Basel“ („Blick“, 14. Mai 2006) schämen. Denn glücklicherweise hat sich die Hauptstadt anerboten, Basel mit der „Schande von Bern“ („Blick“, 8. Oktober 2007) abzulösen.

Die Rest-Schweiz jedoch sorgt sich nach den Krawallen von Bern um die politische Kultur unserer Willens-Nation. Zum Beispiel Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, die sich doch eigentlich freuen müsste, wenn es die Schweiz auf die Seite 1 der Montags-Ausgabe der „New York Times“ schafft. Weil aber Rechtsextremismus und linke Randale irgendwie dem Image doch nicht förderlich sind, sorgt sich Calmy-Rey nun „um das Bild der Schweiz im Ausland“.

Und da, liebe Frau Calmy, sind Sie nicht alleine! Nur mal abgesehen davon, dass sich niemand über Polit-Prügeleien im Stile der 1930er Jahre wundern darf, der die politische Diskussion mit Plakaten im Stile der 1930er Jahre anheizt:

Jude SVP_böser_Bube
Russisches_Schaaf SVP-Schaafe

Aber viel Schlimmeres für das Bild der Schweiz im Ausland hat das grässlichste, leider scheinbar aber auch unvermeidlichste Schweizer Ehepaar bei „Wetten dass…“ angerichtet. Was da Paola Felix anhatte, spottet jeder Beschreibung, ich werde es dennoch versuchen: Das Ensemble sah aus, wie ein Badekleid, über das sie eine Häkeldecke geworfen hatte. Oder in den Worten Thomas Gottschalks: „Ich glaube, das darf man selbst in der Schweiz sexy nennen.“ Wobei – NEIN, darf man nicht, „völlig daneben“ wäre die richtige Umschreibung gewesen. Als dann das Fleisch gewordene Schweizer-Klischee Kurt Felix auch noch das an Peinlichkeit kaum zu überbietende Wortspiel „Paolàlà!“ loswerden durfte, musste ich mich derart fremdschämen, dass ich den Sender gewechselt habe.

DAS müsste Micheline Calmy-Rey mal in ihrer Funktion als Aussenministerin unterbinden. Tut sie aber nicht.

Die Seite der einsamen Herzen

3. Oktober 2007

A propos Basel:

Wohnen Sie in Deutschland und fühlen sich etwas einsam? Möchten Sie neue Menschen kennen lernen?

Das ist jetzt ganz einfach: Klicken Sie einmal HIER.

Vorher aber vielleicht einfach mal hier nachlesen, wie der neue staatliche Freundeskreis funktioniert …

Mit bestem Dank an die Titanic für ihren kompetenten Tipp.

Williwilliwilliwill!!!!

2. Oktober 2007

A propos Basel:

Das Positive im Voraus: Hurra, das Baselbiet beteiligt sich endlich in einem Masse an der Universität Basel, das mehr als ein Muggenschiss genannt werden darf.

Aber Gott im Himmel, muss jetzt wirklich jede Gemeinde das Gefühl haben, sie sei zum Universitäts-Standort berufen? Erst Muttenz, jetzt kommt Liestal, das in der Basler Zeitung damit wirbt, über einen „perfekten ÖV-Anschluss“ zu verfügen. Ach ja, Pratteln und Münchenstein hätten auch noch gerne eine Teil des Kuchens.

Ist ja natürlich auch eine super-intelligente Idee, die Uni auf möglichst viele dezentrale Standorte zu verteilen. Selbst wenn es in der Stadt Bestrebungen gibt, so etwas ähnliches wie einen Campus zu formen, mit kurzen Wegen zwischen den Instituten, den Hörsälen, der Bibliothek und den kulinarischen Wagnissen der Mensa („sieeebe zwanzig!“ – oder wieviel das im Moment auch immer kostet).

Schade wäre es allerdings, wenn nur Muttenz oder Liestal zum Zug kämen. Bezahlt denn nicht jeder Steuerzahler (und jede Steuerzahlerin) im Baselbiet seinen (ihren) Teil an die Uni? Eben. Und hat deswegen nicht eigentlich jede Gemeinde Anrecht auf mindestens einen Hörsaal, ein Institut – oder wenigstens einen Teil der Bibliothek? Ja, klar!

Darum mein Vorschlag:

Tecknau (hervorragend an den ÖV angebunden) erhält die deutsche Literatur von A-G.
In Ramlinsburg wird Geographie unterrichtet. Erste Lektion: Kartenlesen (wie komme ich nach Ramlinsburg?).
Liestal bekommt ein brandneues Institut, in dem nur das Thema Hülftenschanz beackert wird.
Die deutsche Literatur H–Q geben wir nach Therwil.
Ormalingen darf natürlich auch nicht übergangen werden, vergeben wir ein „unnützes Institut wie Theologie“ (Zitat meines geschätzten Arbeitskollegen).
Die Wirtschaftswundergemeinde Pratteln erhält als Gegenpol die Hungerkünstler der Philosophie.
R–Z der deutschen Literatur geht nach Titterten (selbstbewusste Eigenwerbung: „Die wohl schönste Gemeinde im Kanton Baselland“).
usw.
usf.

Und wenn alles schön aufgeteilt ist, und sich nur noch das Europainstitut in Basel befindet, und das auch nur, weil sich dafür im Oberbaselbiet aber nun auch wirklich gar niemand erwärmen konnte, dann bleibt nur etwas zu hoffen:

Dass sich der Kanton Solothurn nie, aber bitte auch gar nie, in die Trägerschaft der Uni einbinden lässt. Denn dann geht das ganze Verteilen wieder aufs neue los …

Basel schreibt (VIII)

1. Oktober 2007

A propos Basel:

Kürzlich lockte mich der „Asian Food Express“ mit folgender Speisekarte:

Fisch
Pangasius Fried Noodles: Schwein an süss-saurer Sauce mit Sojasprossen Fr. 22
Pangasius Green Curry: Schwein an pikanter Soja-Austernsauce, Reis oder Nudeln Fr. 22
Crispy Fish Sweet & Sour: 5 Shweinefleischspiesse an Erdnusssauce mit Reis Fr 22
Crispy Fish Szechuan: 5 Shweinefleischspiesse an Erdnusssauce mit Reis Fr 22

Spontan musste ich da an eine nette Konversation in einem Restaurant inmitten der estnischen Pampa denken. Gast: „Do you have something without meat?“ Bedienung (wie aus der Pistole geschossen): „Yes, chicken!“

Basel schreibt (VII)

1. Oktober 2007

A propos Basel:

„Turbosaugkraft durch fühlbar softes 3D-Innenvlies.“

Ein Satz, wie ein Monument. Steht da einfach auf einer Windelpackung der Migros (Milette Premium, Maxi+). Und sollte meiner Meinung nach für den Grimme-Preis nominiert werden – mindestens!

Lassen wir uns die Bestandteile auf dem Trommelfell zergehen:

– Turbosaugkraft. Nun, da bringt der Texter gleich Schwung in die Sache, ohne dass er gleich sein ganzes Pulver verschiesst.

– fühlbar soft. Jetzt ist er in seinem Element. Weich ist die Windel also, und dann kann man das auch noch fühlen! Ganz im Gegensatz zu den Konkurrenzprodukten, die zwar weich sind – aber eben nicht fühlbar …

– 3D-Innenvlies. Ja, da kommen mir die Tränen. Selten wurde eine Worthülse so hemmungslos verwendet, da zeigt sich der grosse Künstler.

Gerne hätte ich allerdings noch das zweidimensionale Innenvlies gesehen. Aber das ist wieder ein anderes Kapitel.

Dann mach ich halt alles selber

21. September 2007

A propos Basel,

Nun ja, da ich von hervorragenden Tipps zu Sarajevo auf dieser Seite beinahe überrannt worden bin, gebe ich selbst ein paar wenige Tipps:

1. Die Altstadt Sarajevos mit seinen kleinen osmanischen Häuschen ist wirklich hübsch anzuschauen. Zum Shopping empfehle ich aber weiterhin eher Barcelona …

2. Wenn man ein wirklich spezielles und auch speziell gutes Essen erleben will, sollte man unbedingt die „Mala Kuhinja“ besuchen. Und nein, der Name bedeutet NICHT „schlechte Küche“, sondern „kleine Küche“. Klein ist das Restaurant in der Tat, nur 14 Gäste finden Platz. Eine Reservation ist also unabdingbar. Wenn man es allerdings ins Restaurant geschafft hat, wird man dafür vom Jamie Oliver Bosnien-Herzegowinas bekocht. Muamer Kurtagic ist der örtliche TV-Koch, der natürlich ein viel grösseres Restaurant haben könnte, sich aber lieber auf sein kleines Reich konzentriert.

Und das bringt dem Gast einiges an Mehrwert. Der Chef bedient nämlich selbst, eine Speisekarte gibt es nicht, Kurtagic fragt vor dem Mahl nur, welche Zutaten er nicht verwenden soll, dann wird gekocht und aufgetischt. Und das nicht zu knapp. Der Preis für ein Mittagessen mit Suppe, Salat, vier verschiedenen Hauptgängen auf grossen Platten, dazu Reis und sehr kreativ zubereitete Kartoffeln, zwei verschiedene Desserts, Getränke und Espresso: 30 KM (Konvertible Mark, der Kurs ist in etwa 1:1 zum Franken). Und da ist das Trinkgeld bereits inbegriffen.

Natürlich kann man in Sarajevo auch für viel weniger Geld satt werden – aber das Erlebnis in der „Mala Kuhinja“ wird da natürlich nicht geboten. Womit wir angekommen wären bei Punkt:

3. Nein, die Freundlichkeit ist dem Servierpersonal in dieser Stadt, sagen wir mal: nicht in die Wiege gelegt. Oder anders formuliert: Wie man der Bedienung ein Lächeln abringen kann, haben wir in den drei Tagen in Sarajevo nicht eruieren können, und auch der Taxifahrer begrenzt seine Kommunikation normalerweise auf ein leichtes Nicken. Ausnahmen gibt es natürlich immer, sie sind einfach rar gesät.

4. Während des Ramadans läuft in der normalerweise sehr partyfreundlichen Stadt relativ wenig.

5. Die Gendenkstätte für den erschossenen Franz Ferdinand war vor dem real existierenden Sozialismus auch schon mal grösser und behielt danach bis heute ihre eher bescheidene Form. Sprich: Der Franz muss sich mit einer leicht zu übersehenden Informationstafel begnügen.

6. Der FK Sarajevo hat für das Essen mit den offiziellen Vertretern des FC Basel nicht das Budget für einen zukünftigen Transfer verwendet. Das Mittagsmahl fand nämlich in einem eher der Fast-Food-Welt zugehörigen Etablissement statt. Das teuerste Essen auf der liebevoll plastifizierten Karte mit Fotos der angebotenen Speisen schlug mit 4 KM zu Buche. Dafür sprach der FK-Präsident während des gesamten Essens nicht eine Silbe.

7. Schon verrückt, über eine Strasse zu fahren, die vor wenigen Jahren noch den Namen „Sniper Alley“ trug, weil jeder, der sie benutzt hat, um sein Leben fürchten musste.

Evas Welt

15. September 2007

A propos Basel:

Ok, ich wollte eigentlich darauf verzichten, hier auch noch meinen Senf zum Weltbild der leicht bescheuerten Frau Eva Herman abzusondern. Das haben schon andere getan.

Aber weils so schön ist, hier doch noch ein Sätzchen des Herrn Adolf Hitler zu seiner persönlichen Sicht zur Familienpolitik im dritten Reich, geäussert 1934 bei einer Rede vor der NS-Frauenschaft:

„Jedes Kind ist eine Schlacht.“

Recht so. Aber leider darf frau das ja heute nicht mehr sagen, gell, Frau Herman?

P.S. Dass das ganze braune Getue nur eine super Propaganda für das neue Buch der Frau Herman ist, kann natürlich nicht sein…

Wohin in Sarajevo?

14. September 2007

A propos Basel:

Da ich demnächst den ortsansässigen Fussballverein auf seiner Reise nach Sarajevo begleiten darf, suche ich verzweifelt Tipps. Gibt es da draussen jemanden, der mir das beste Restaurant, die beste Bar, den besten Kaffee und die beste Sight zum Seeing nennen kann?

Ich harre gespannt der hereinfliessenden Informationen.

Herzlichst, Ihr Razinger

Strikte Abfalltrennung bei den Habsburgern

12. September 2007

A propos Basel:

Ich oute mich hier mal als begeisterter Seher der amerikanischen Serie „Six Feet Under“, in der es um das schrecklich komplizierte Leben einer Bestatter-Familie geht. In ein ähnliches Kapitel geht folgende, fürs allgemeine Leben nicht wirklich wichtige, ja eigentlich völlig überflüssige Information, die man aber möglicherweise einmal für das Auflockern eines schleppenden Smalltalks verwenden kann.

Vielleicht so:

Ich war ja zur selben Zeit wie der Ratzinger in Wien. Und weil die ganze Stadt mit Absperrungen unterteilt war, habe ich mich in die Katakomben des Stephansdoms geflüchtet.

Wussten Sie (Wusstest du, je nach Vertrautheit mit dem Gegenüber), dass sich die Habsburger sozusagen dreigeteilt bestatten liessen? Die österreichischen Kaiser wurden nämlich balsamiert, wozu die Eingeweide aus dem Körper entfernt werden mussten.

Und das gab einen schönen Anlass, den Streit dreier Kirchen zu beenden, die alle reklamierten, die wahre letzte Ruhestätte der Habsburger zu sein.

Also erhielt die Kapuzinerkirche den Körper, die Augustinerkirche erhielt das Herz und der Stephansdom bekam die restlichen Innereien. Und die stehen nun dort in den Katakomben, in Alkohol eingelegt und in ziemlich schmucklosen Bronzebehältnissen. Kaiserliche Würde habe ich mir immer etwas anders vorgestellt, aber was solls?

Immerhin kann mit Fug und Recht behauptet werden, das Hause Habsburg habe als eines der ersten auf strikte Trennung des Abfalls geachtet.